Starkes Zeugnis Neuendettelsauer Geschichte

Neuendettelsau ohne die Diakonie (Diakonissenanstalt, Diakoniewerk, Diakoneo)? Kaum vorstellbar. Pfarrer Wilhelm Löhe und dessen Vision, Frauen eine kirchliche und vielfältig praktische Ausbildung zu ermöglichen, haben dem Ort seine heutige Bedeutung gegeben. Die Gründung der Diakonissenanstalt am 9. Mai 1854 war eine entscheidende Weiche in der Gemeindeentwicklung. 75 Jahre nach der Gründung waren mehr als 1300 Diakonissen im Dienst. Zeugnis von deren Wirken und Wirkung ist der Film „Dienen will ich“ aus dem Jahr 1931, der an zwei Freitagabenden (6. und 13. März) im Bürgertreff lief.

Dieser Stummfilm, gedreht unter der Regie der Frauenrechtlerin und Journalistin Gertrud David, ist ein Dokument aus der Hochzeit der Diakonissenanstalt Neuendettelsau. Unter der Leitung von Rektor Hans Lauerer und Oberin Selma Haffner waren Diakonissen nicht nur in Neuendettelsau im Einsatz. Vielmehr gab es bereits Filialen unter anderem in Bruckberg, Himmelkron und Polsingen, mehr als 100 Stationen vor allem in Nordbayern. Wie die Frauen nach ihrer intensiven Ausbildung am Bahnhof Neuendettelsau verabschiedet wurden, um mit dem von einer Dampflok gezogenen Zug in ihre Einsatzorte zu fahren, lässt die diakonische Dynamik der „Anstalt“ erahnen.

Die Filmemacherin David dokumentiert mit dem Film nicht nur die große Bandbreite an Aufgabenbereichen der Diakonissenschaft – von häuslicher Krankenpflege über die Arbeit in Krankenhäusern und in der Altenhilfe bis zur Betreuung von behinderten Menschen und einer umfassenden Schullandschaft für die allgemeine und die berufliche Bildung. Ein Schwerpunkt des Films liegt darauf zu zeigen, dass in den Heimen der Diakonissenanstalt die Menschen mit Behinderung gefördert und zu praktischem Tun erfolgreich angeleitet werden. Ein sehr politisches Votum in einer Zeit, in der bereits über den Wert behinderten Lebens heftig disputiert wurde. Das Ergebnis, die sog. Krankenmorde in der Zeit des Nationalsozialismus, ist bekannt.

Auch das Ortsbild von Neuendettelsau vor rund 95 Jahren zeigt dieser Stummfilm. Natürlich Mutterhaus und Laurentiuskirche, aber auch das Zentralschulhaus in seiner damaligen Form, Gebäude im Diakoniebezirk, die es heute nicht mehr gibt oder eine andere Bestimmung haben, Szenen aus dem Dorf. Ebenfalls den Gasthof „Sonne“, in dem Löhe die Diakonissenanstalt gegründet hat, und dessen Wirt. Der Film ist ein echtes Zeugnis der jüngeren Ortsgeschichte.

Lebendig wurde der Stummfilm insbesondere dank der Kommentierung von Manfred Riedel. Selbst Diakon und früher Leiter der Krankenpflegeschule, kennt er die Geschichte der Neuendettelsauer Diakonie aus vielen Gesprächen und eigenem Erleben. Die Besucherinnen und Besucher – an den zwei Filmabenden waren 85 Gäste in den Bürgertreff gekommen – erfuhren von ihm viele Hintergründe, um das Wesen und Wirken der Diakonie einordnen zu können.

Bildtext: Wenige Diakonissen waren unter den Gästen im Bürgertreff bei den Vorführungen des Stummfilms „Dienen will ich“. Links im Bild Manfred Riedel, der den Film kommentierte.

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