Diese Frage begleitete Erika Ruckdäschel ein halbes Leben. Sie ist als Satz Bestandteil eines Gedichts. Als 17-Jährige war sie diesem Gedicht begegnet. Wie heißt dessen Autor? Wo ist diese Lyrik zu finden? Erika Ruckdäschel berichtete von dieser Spurensuche bei einer Lesung im Bürgertreff. „Was siehst du?“ war ihr Beitrag zum Abschluss der Demenzwoche betitelt.
Die autobiografische Lesung der 86-Jährigen war spannend. So spannend wie ihr Leben. Und das erzählte sie so ganz nebenbei – oder bei Nachfragen – während des kurzweiligen Vortrags. Von Ohrdruf in Thüringen kam sie im Jugendalter ganz allein in die BRD, nach Bayern, nach München, wo sie sich zunächst als Schreibkraft durchschlug, die Journalistenschule besuchte, als Journalistin arbeitete, um sich schließlich im Kreis der Schwesternschaft in Neuendettelsau niederzulassen. Ein erfülltes Leben, das sich nicht zuletzt in rund 20 lesenswerten Büchlein offenbart.
Und die ganzen Jahre, bis ins Jahr 2007, die Suche nach Versen, die im Kopf bruchstückhaft schwirrten. Erika Ruckdäschel tut sich nicht leicht zu erklären, dass sie nach einem Gedicht suchte, während sich die Weltpolitik wegen 27.000 Atomsprengköpfen um die Zukunft der Menschheit sorgte. Doch die Hartnäckigkeit lohnte. Sie kam Josef Mühlberger auf die Spur. 1903 im Sudentenland geboren, studierte er Germanistik, promovierte, erwarb sich als Schriftsteller erste Meriten. Nach seiner Ausweisung aus der Heimat ließ er sich als Journalist und Übersetzer in Eislingen (Württemberg) nieder. Dort starb er vor 40 Jahren. Erika Ruckdäschel suchte einst dessen Haus auf und fand den „Garten bei Nacht“, der in zwei Versen verdichtet ist.
Hier sind sie:
Nun ist ein anderer hier Herr geworden,
geht um mit mondscheinleisen Schritten,
und in dem Eignen und Vertrauten
bist du nur wie gelitten.
Es rührt sich fremd in einer Blüte Neigen
und tastet sich vom Stamm zu Ast und Schweigen.
Und wenn du in des Laubes Schwärze blickst,
haucht es dich an wie aus verhohlnem Schweigen:
„Was suchst du hier?“ – Und du erschrickst.

